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Kleine Kulturgeschichten des Gehirns

Obgleich das Gehirn empfindungslos ist und damit kein Gefühl seiner selbst produziert, scheint es den Menschen und seine unmittelbaren Vorfahren auf rätselhafte, sprich: intuitive, Weise mit dem Wissen um die eigene Bedeutung auszustatten. So ist davon auszugehen, dass schon auf der Stufe des Homo erectus „Köpfe gejagt“ und Gehirne verspeist wurden. Auch gibt es gegenwärtig noch Naturvölker, die diesen „Brauch pflegen“.
Ein anderes Kulturgut, das von rituellem Kannibalismus zeugt, ist der Schädelbecher, dessen Kulturgeschichte von frühesten Stufen der Hominidenevolution bis in das 19. Jahrhundert reicht. So benutzten schon die Australopithecinen Schädel als Trinkgefäße. Herodot beschreibt entsprechende Praktiken bei den Skyten. Plutarch gibt Kunde von dem Ritual des Schädeltrunkes bei den Germanen, die sich auf diese Art den Mut des Gegners einverleibten. Die Kelten sollen den Schädel eines römischen Heerführers zu einer Opferschale verarbeitet haben. Auch das Christentum, das sich immer wieder dem Kampf gegen heidnische Praktiken verschrieb, hat diesen Volksglauben durch die rituelle Nutzung der Schädel von Heiligen übernommen. Der Schädeltrunk verhieß Erlösung und Schutz vor Krankheiten. Nach einem schottischen Volksglauben schützt der Trunk aus dem Schädel eines armen Sünders vor der „heiligen Krankheit“, der Epilepsie. (Oeser, S.15ff.)

Objekt von Forschung und Medizin ist das Gehirn seit 10.000 Jahren, wie sich anhand der Technik der Trepanation nachweisen lässt. Sowohl bei Lebenden als auch bei Toten wurde dabei ein scheibenförmiges Knochenstück aus dem Schädel entfernt, um Bereiche des Gehirns aus medizinischen Gründen zur Behandlung von Geisteskrankheiten und Verletzungen freizulegen, aber auch religiös motiviert, um die Seele entweichen zu lassen. (ebenda)
Als Ort des irdischen Wirkens der Seele galt dabei nicht nur das Gehirn, sondern der Körper, obgleich dieser wie z.B. in der griechischen Antike lange Zeit nicht als Einheit betrachtet wurde. Aber gerade letzteres lässt aus der Sicht der heutigen Hirnforschung die Auffassungen der antiken Mythologie interessant erscheinen.
So schien es zu Zeiten des Homer noch keine Vorstellung eines substantiell mit sich selbst identischen Menschen gegeben zu haben. Dies zeigt sich in den vielfältigen Begriffen von Körper und Geist. Homer verfügte noch nicht über einen abstrakten Begriff des Körpers. Den Körper als substanziellen Träger vielfältiger Eigenschaften gab es in der homerischen Literatur noch nicht.

Das Wort „Soma“, welches später den Leib bezeichnet, ist „bei Homer nie auf den lebenden Menschen bezogen“; „es bedeutet die Leiche“ (Snell, S.16)
Demas bezeichnet den lebendigen Körper nur in bestimmten Fällen. „Es bedeutet ‘an Bau’, ‘an Gestalt’ und ist dadurch auf wenige Wendungen beschränkt, wie: klein oder groß sein, jemanden gleichen usw.“ (Snell, S.16)
„Gyia sind die Glieder, sofern sie durch Gelenke bewegt werden, Melea die Glieder, sofern sie durch Muskeln Kraft haben“ (Snell, S.16)
Chros bezeichnet Haut als Oberfläche, als Grenze des Körpers.

„Daß der substantielle Körper des Menschen nicht als Einheit sondern als Vielheit begriffen wird, lehren uns auch die Menschendarstellungen der frühgriechischen Kunst. Den organisch-einheitlichen Körper, der in der Spannung von Tragendem und Lastendem, im Gegensatz von Stand- und Spielbein und in der Abhängigkeit aller Teile von solchem Kontrapost sichtbar wird, stellt erst die klassische Kunst des 5. Jhdt. dar. Vorher ist der Körper wirklich nur aufgebaut durch die Addition einzelner Teile ...“ (Snell, S.17)
„Selbstverständlich haben die homerischen Menschen einen Körper gehabt wie die späteren Griechen auch, aber sie wußten ihn nicht ‚als‘ Körper, sondern nur als Summe von Gliedern. Man kann auch sagen, die homerischen Griechen hatten noch keinen Körper im prägnanten Sinn des Wortes: Körper (Soma) ist eine spätere Interpretation dessen, was ursprünglich als Melea oder Gyia aufgefaßt wurde, als ‚Glieder‘, - wie denn tatsächlich Homer immer wieder von den hurtigen Beinen, den sich regenden Knien und den kräftigen Armen spricht: diese Glieder sind ihm das Lebendige und in die Augen Fallende.“ (Snell, S. 19)

Entsprechendes gilt für die Seele. Sie tritt bei Homer in zumindest dreifacher Gestalt auf:

1. Die Psyche ist der Lebensodem, der mit dem Tod ausgehaucht wird und in den Hades fliegt. (etymologische Wurzel: hauchen) (Snell, S.19)
2. Thymos charakterisiert das „Organ der Regung“, die Empfindung, das geistige Organ, das die körperlichen Regungen z.B. der Glieder verursacht. (Snell, S.19) Der Thymos kommt im Unterschied zur Psyche auch dem Tier zu. (Snell, S.21) Er verläßt nach dem Tode ebenfalls den Körper, „was die Knochen und Glieder in Bewegung setzte, ging fort.“ (Snell, S.20)
3. Nóos ist „das, was die Vorstellungen bringt“. (Snell, S.19) „Nóos gehört zu noein, und dies bedeutet ‘einsehen’, ‘durchschauen’, ja weithin läßt es sich mit ‘sehen’ übersetzen ...“ (Snell, S. 22) „Es ist der Geist, sofern er klare Vorstellungen hat, also das Organ der Ein-Sicht ...“ (Snell, S.22) Später bezeichnet Nóos die „Fähigkeit des Denkens, den Verstand“. (Snell, S.23)

„Wollte ich genau sprechen, müßte ich sagen: das, was wir als Seele interpretieren, interpretiert der homerische Mensch so, daß drei Wesenheiten dort sind, die er nach Analogie von körperlichen Organen deutet.“ Gemeint sind die „Umschreibungen für Psyche, Nóos und Thymos als ‘Organe’ des Lebens, des Vorstellens und der geistigen Regung ...“ (Snell, S.25)

Schadewaldt sieht „die platonische Dreiteilung der Seele schon bei Homer angelegt ...; wobei allerdings meist nur jeweils zwei Teile betont werden: der thymós, das Muthafte, und das logistische Element.“ (Schadewaldt, S.81) Wobei das dritte Element bei Platon die Begierde ist – ein für meine Begriffe großer Unterschied zu dem mythologischem Verständnis von Psyche (siehe unten).

Obgleich den homerischen Griechen ein integrativer Begriff von Seele fehlte, kann man davon ausgehen, dass die genannten Teile doch schon in einem gewissen Zusammenhang gesehen wurden. Im Treiben der Götter, ebenso wie in dem der Menschen sowie in ihrem Verhältnis zueinander vollzieht sich ein ständiges Wechselspiel zwischen spontanen Leidenschaften und mäßigender Vernunft. Als Achill „schon aus der Scheide zog das große Schwert, da kam Athene/ Vom Himmel herab“ (Ilias 1, 194/95) und hielt diesen zurück, von Hera geschickt aus Sorge. Zeus wird auch der „ratsinnende Zeus“ (Ilias 1, 175) genannt. Nicht selten nimmt Zeus gegenüber seiner Götterschar, nehmen die Götter gegenüber den Menschen und bei diesen die Erfahrenen die Position einer mäßigenden Weltklugheit ein, während der Mut, die Leidenschaft in der Brust sich regt.
Thymos und Nóos sind die wirkmächtigen seelischen Instanzen, erstere treibt und letztere mäßigt. Die Psyche hingegen ist der Lebensodem nicht aber im Sinne einer Kraft. Sie ist der Teil der Seele, der das Schicksal erleidet und damit bewahrt, darum ein Gut, das eigentliche Gut des Lebens, das des Schutzes, der Pflege bedarf. Die Psyche erscheint als emotionales Gewahrwerden und emotionales Gedächtnis.

In der heutigen Hirnforschung wird die Existenz eines substantiellen Ichs, eines Selbst bezweifelt, stellt sich der Mensch wieder als ein vielfältiges Wesen ohne ein eigentliches Zentrum dar. Der bekannte Hirnforscher Wolf Singer versteht das Gehirn als ein komplexes System, das keine zentrale steuernde Instanz hat, sondern der Selbstorganisation unterliegt. Die neuronalen Schaltkreise ver- und entkoppeln sich immer wieder neu. Für ein mit sich selbst identisches Ich scheinen die neuronalen Grundlagen zu fehlen. Wir schleppen also nicht nur rund 2 kg Bakterien mit uns herum (sind also eigentlich ein Ökosystem), sondern sind auch in unserer Persönlichkeit wohl eher Viele, denn Einer.


Literatur:

Homer, Ilias (in einer Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt), Frankfurt am Main 1997
Erhard Oeser, Geschichte der Hirnforschung, Darmstadt 2002
Wolfgang Schadewaldt, Die Anfänge der Philosophie bei den Griechen, Frankfurt am Main 1995
Bruno Snell, Die Entdeckung des Geistes, Göttingen 1993


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