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metron ariston

Wieder einmal sind mir die großartigen Vorlesungen von Wolfgang Schadewaldt zu den Anfängen der Philosophie bei den Griechen in die Hände gefallen. Mir erscheint es als Zufall, für die harten Deterministen aus der Gilde der Neurowissenschaftler hätte mein Gehirn nach den Spielregeln der Kausalität entschieden, noch bevor mir dies bewusst war. Wie auch immer, nun halte ich dieses Buch in meinen Händen und fühle mich in dem in Dresden tobenden Kulturkampf an jenes Ordnung stiftende Prinzip „metron ariston“ (das Maß ist das Beste) erinnert. Einem Prinzip, dem sich die alten Griechen, zumindest jene, die das Griechentum besangen, wie Homer, Hesiod oder Solon, verpflichtet fühlten. Es verknüpft sich mit dem Verständnis der Welt als Kosmos, wobei das Wort „Kosmos“ bei Homer noch nicht vorkommt, wie Wolfgang Schadewaldt ausführt, die Vorstellung eines geordneten Weltganzen jedoch schon. „Der Begriff des Kosmos enthält immer eine Vorstellung der Geordnetheit, daß ein geheimes Ordnungsgefüge, das im Seienden selbst liegt und gleichsam die Natur eines jeden Dings ausmacht, aus ihm herausgestellt und sichtbar gemacht wird.“
Die zentralen Dimensionen dieser Ordnung sind arché (Ursprung, Urgrund) und telos (Zweck, Intentionalität). Der Maßstab für das Werden und Wirken der Dinge in dieser Ordnung ist die areté (die Güte) bzw. das ariston (die beste Güte, das Beste, Schadewaldt spricht auch von Bestheit), das Maß, in dem Anfang und Ende, arché und telos, sich treffen.
Von daher ist der Kosmos Inbegriff der besten Ordnung, ontische und normative Grundlage der erga (Werke). „Die Dinge werden bewertet nach ihrem ergon, ihrem ‘Werk’, und das führt wieder auf den aristotelischen Begriff der en-ergeia. Nach diesem Am-Werk-Sein in höchster Form wird dann die Bezeichnung gebildet.“
Dieser Begriff des Werkes ist sehr interessant: Das Werk wird nicht nur einfach als Artefakt, als gegenständliches Produkt zielgerichteter Tätigkeit verstanden, nicht nur instrumentell. Es ist das Eingefügt-Sein in eine übergreifende Ordnung des Guten, des Funktionalen und des Schönen. Am-Werke-Sein heißt nicht nur Tun, sondern Wirken, Am-Besten-Wirken, im Tun in die Ordnung des jeweils Besten sich einfügen. Am Werke in diesem Sinne sind dabei alle Dinge. „Die Güte eines Messers etwa besteht darin, daß es einmal seine Funktion gut erfüllt, nämlich gut schneidet; daß es zweitens dauerhaft ist und nicht gleich zerbricht: das Substanzhafte neben dem Funktionalen; und dann kommt noch ein letztes hinzu: daß es auch gut aussieht, was in Richtung auf die Schönheit geht. In diesen drei Beziehungen zeigt sich die Wesenheit eines Dings in seiner Bestheit: in Bezug auf seine Funktion, in der Fähigkeit des Sich-Bewahrens und im äußeren Anblick.“ Einfach großartig: Eine Brücke müsste sich nicht mehr schämen, eine Brücke zu sein.
Zu bedenken ist aber auch die doppeldeutige Lesart des metron ariston. Es kann heißen: Das Maß, verstanden als das Maßvolle, das Gemäßigte, ist das Beste. Es kann aber auch heißen: Das Maß, verstanden als der Maßstab, ist das Beste (die Bestheit, wie Schadewaldt sagen würde). Es kann also gestritten werden, um das Am-Werk-Sein in höchster Form. Wann eigentlich ist ein Tunnel gut? Wie könnte ein schöner Tunnel aussehen? Bestimmt sich ein Tunnel nur darin, nicht Brücke zu sein?
Vielleicht gelten ja beide Lesarten: Als Maßstab galt dem Griechen immer das Beste. Das Beste aber war für ihn stets das Maßvolle. Das Maßvolle ist als kosmisches Prinzip ja auch das Wohlgeordnete.
Für Schadewaldt war es das Typische in gesteigerter Form, für den Dichter das Dichtersein, für den Feldherrn das Feldherrnhafte. Die Frage wäre also, da nun einmal von Kultur so viel die Rede ist, wann eine Brücke als Brückesein und ein Tunnel als Tunnelsein in jeweils gesteigerter Form, mit anderen Worten: als Kulturleistung, gelten kann. Dies hätte ein Streit um die Gestaltung von Kultur sein können. Der in Dresden tobende Kulturkampf ist aber leider nur wieder einmal ein Kampf um das beste Mittelmaß.

Helmut Gebauer


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