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Das Problem der willentlichen Handlungssteuerung

    »Die Selbstbesinnung des Individuums ist nur ein Flackern im
    geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens.«
    (Gadamer 1990, S. 281)



Es ist wieder modern geworden, die menschliche Willensfreiheit zur Illusion zu erklären. Die Protagonisten sind aber weder Philosophen noch Literaten, sondern Neurowissenschaftler (Prinz, Singer, Roth etc.), die überzeugt sind, sich im Unterschied zu jenen nicht mehr der Spekulation bedienen zu müssen, sondern auf eine reiche Ernte experimenteller Befunde verweisen zu können.

Diese Befunde haben deshalb eine so hohe Brisanz, weil die Autonomie des Individuums und in diesem Zusammenhang die Überzeugung, dass der Einzelne freie, durch die Vernunft getragene Entscheidungen über sein Handeln treffen kann, in der europäischen Kultur einen kaum zu überschätzenden Stellenwert besitzt.
Ein entscheidender Einschnitt in der europäischen Geistesgeschichte, auf den auch unser heutiges Autonomieverständnis zurückgeht, stellt die urbane Revolution im Spätmittelalter mit den gesellschaftlichen Folgeprozessen in der Renaissance und frühen Neuzeit dar.
Die Wende in der Kulturgeschichte, die mit der Urbanisierung des Lebens in der Zeit Spätmittelalter/Renaissance/Frühe Neuzeit verbunden war, führte auch zu einer Aufwertung von Individualität. Der selbstbewusste, seine eigenen Verhältnisse gestaltende Mensch rückte zunehmend stärker in das Zentrum der Überlegungen. Der Mensch der Renaissance ist aus der Sicht der Renaissancehumanisten der Tatmensch, der Mensch, der seine Geschichte macht. Faust, der in seinem Streben nach Erkenntnis keine innere Ruhe finden kann, greift zum Neuen Testament und bringt mit seiner Übersetzung ebendies zum Ausdruck:

    Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
    Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
    Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
    Ich muss es anders übersetzen,
    Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
    Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
    Bedenke wohl die erste Zeile,
    Dass deine Feder sich nicht übereile!
    Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
    Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
    Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
    Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
    Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
    Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
    Goethe, Faust I



Dieser Gestaltungsoptimismus gründet sich in einem in dieser Zeit gewachsenen tiefen Vertrauen in die kognitiven Fähigkeiten des Menschen. Für Descartes (1596-1650), der durch seinen radikalen Zweifel an allem Wissen seiner Zeit als Begründer der neuzeitlichen Philosophie gilt, war der Mensch eine res cogitans, eine denkende Substanz. Bei Fichte (1762-1814) steigert sich dieses Ich bin mir gewiss als denkende Substanz, zu der Annahme eines unhintergehbaren »Ich bin Ich« (Fichte, S. 95), zu der Überzeugung: »alles was ist, ist nur insofern, als es im Ich gesetzt ist, und außer dem Ich ist nichts.« (Ebenda, S. 99) Für Hegel (1770-1831) ist das Ich die Idee »von mir selbst als einem absolut freien Wesen«.
Zusammengefasst unterstellen diese Überlegungen ein autonomes Ich, das sich durch Vernunft selbst setzt. Das Ich ist substanzielle Einheit von uns als empirische Person. Das Bewusstsein gipfelt in der Vernunft als Inbegriff unserer rationalen Erkenntnismöglichkeiten und mit Hilfe der Vernunft ist das Ich zu freien Entscheidungen über sein Handeln befähigt. Die Hervorhebung der Vernunft geht einher mit der Abwertung der Leidenschaften, der Gefühle. Hier knüpft die moderne Aufklärung an die antike Aufklärung an (Sokrates, Platon, Aritoteles).

Von Beginn an wurden aber auch Zweifel gegenüber diesem Ideal des autonomen Ich gehegt. Wirkmächtig wurden diese Zweifel mit dem Prozess der Desillusionierung, der durch die Enttäuschung über die Ergebnisse der bürgerlichen, insbesondere der französischen Revolution ausgelöst und durch die Industrialisierung und Kapitalisierung des Lebens im 19. Jahrhundert verstärkt wurde. Dieser Prozess spiegelt sich zunächst in der Romantik und später in der pessimistischen Existenz- und Lebensphilosophie. Als Beispiel sei in diesem Zusammenhang auf Schopenhauer (1788-1860) verwiesen. Er setzte dem Hegelschen Vernunftkult einen uns treibenden Willen zur Macht entgegen. Schopenhauer betonte unsere Leibabhängigkeit, wobei sich für ihn in den Regungen unseres Leibes ein tiefer liegender Wille zum Dasein ausdrückt, der uns beherrscht. Damit begab sich Schopenhauer in eine Region, in der Freud (1856-1939) heimisch wurde und sich ein Leben lang einrichtete, in die Bezirke des Unbewussten, der dem Bewusstsein verborgenen Tiefen unserer Psyche.
Freud unterschied zunächst nur schlicht das Unbewusste vom Bewussten. Diese einfache Unterscheidung gab er später zugunsten einer feineren dreifachen Gliederung des Psychischen auf und differenzierte zwischen den eigentlich unbewussten Vorgängen, die sich von ihrer Natur her dem Bewusstsein entziehen, den so genannten vorbewussten psychischen Aktivitäten, die jederzeit ins Bewusstsein gerufen werden können, mithin latent bewusst sind, und natürlich der bewussten Wahrnehmung psychischer Zustände. In seinem Spätwerk löste sich Freud auch von dieser Untergliederung des Psychischen und entwarf seine berühmte Persönlichkeitstheorie, in welcher er die Persönlichkeit in drei Bereiche unterteilte: das Es, das Ich und das Über-Ich. Das Es ist die menschliche Triebnatur, das eigentliche Kraftzentrum, Sitz der psychischen Energie, wobei Freud zunächst zwischen Sexual- und Selbsterhaltungstrieb, später zwischen Lebens- und Todestrieb unterschied. Im Ich sind vor allem bewusste Wahrnehmung, Denkvorgänge und Willensbildung angesiedelt. Das Ich hat gegenüber dem Es die Herrschaft zu gewinnen, indem es (mit Hilfe des Über-Ichs) darüber entscheidet, ob die Triebausbrüche zur Befriedigung zugelassen, sublimiert (auf Ersatzobjekte gerichtet) oder unterdrückt werden. In dieser Kontrollfunktion gleicht das Ich im Verhältnis zum Es jedoch »dem Reiter, der die überlegene Kraft des Pferdes zügeln soll ... Wie dem Reiter ... oft nichts anderes übrigbleibt, als es dahin zu führen, wohin es gehen will, so pflegt auch das Ich den Willen des Es in Handlungen umzusetzen, als ob es der eigene wäre.« (Freud 1997, S. 265) Mit dem Begriff des Über-Ichs charakterisiert Freud die durch Erziehung verinnerlichten Werte und Normen der Gesellschaft bzw. des kulturellen Umfeldes. Das Über-Ich ist der moralische Zensor in uns.
Freuds Analyse lässt das Individuum in der Rolle der tragischen Figur im Spannungsfeld von Triebnatur und Kultur erscheinen. In radikal-aufklärerischer Absicht versucht Freud das Dunkle im Unbewussten ebenso wie das Zwanghafte kultureller Normen offen zu legen. Das Individuum erscheint nicht als selbstbewusster Tatmensch wie z.B. in der Renaissance oder in der Aufklärung, sondern als Tummelplatz der Mächte Trieb und Moral.

In einer gewissen Weise schließen die Interpretationen der neueren neurowissenschaftlichen Befunde an Freud an, in dem sie die Möglichkeit einer bewussten und dem freien Willen unterliegenden Handlung einschränken, wenn nicht gar bezweifeln.


Die neurowissenschaftliche Diskussion willentlicher Handlungssteuerung ist vorzugsweise an die Debatte des Leib-Seele-Problems gekoppelt. Dabei gehört es nun schon zum guten Ton, mit dem so genannten Trilemma zu beginnen, d.h. mit drei Thesen, die geeignet sind, das Feld möglicher Konzepte zu umreißen, von denen aber stets nur zwei widerspruchsfrei wahr sein können (Goller 2003, S. 87ff.):

    Mentales ist nicht Physikalisches.
    Mentales ist im Bereich des Physikalischen kausal wirksam.
    Der Bereich des Physikalischen ist kausal geschlossen.



Zusammenfassende Darstellungen hierzu gibt es zur Genüge (Bunge 1984, Brüntrup 1996, Goller 2003 etc.), deshalb möchte ich mich auf eine physikalistische Interpretation der nun schon berühmten Versuche von Benjamin Libet, die später leicht verändert durch Patrick Haggard und Manfred Eimer wiederholt wurden, konzentrieren. Dabei wende ich mich vorzugsweise der Interpretation von Gerhard Roth zu. Libet untersuchte 1983 die zeitliche Abfolge von Willensakt und Bereitschaftspotential in der Auslösung einer Muskelaktivität und beabsichtigte mit seinen Experimenten die Existenz der Willensfreiheit nachzuweisen. Die Versuchspersonen wurden darauf trainiert, in einer gegebenen Zeit von 2,56 Sekunden den spontanen Entschluss zu fassen, einen Finger der rechten Hand bzw. die ganze rechte Hand zu beugen. Haggard und Eimer modifizierten die Versuche in einer Art, die eine Differenzierung zwischen symmetrischem und lateralisiertem Bereitschaftspotential ermöglichte. Sie ließen den Probanden in ihren Versuchen die freie Wahl zwischen linker oder rechter Hand bzw. eines links oder rechts zu drückenden Knopfes.
Die Versuche selbst sind zur Genüge dargestellt (Roth 2001, S. 437ff.) und mögen hier in ihren unmittelbaren Messergebnissen als gut bestätigt gelten - obgleich andere Autoren durchaus Anlass zur Methodenkritik sehen und diese auch überzeugend darlegen (Pauen 2004, S. 196 – 208). Konzentrieren wir uns auf die möglichen Interpretationen. »Was war zu erwarten? Wenn der Zeitpunkt des Entschlusses dem Beginn des Bereitschaftspotentials vorausging (natürlich ohne im EEG sichtbar zu sein!), dann war die Willensfreiheit einem empirischen Beweis nähergebracht. Fiel er mit dem Beginn des Bereitschaftspotentials zusammen, dann war nichts verloren, denn man durfte dem immateriellen freien Willen zumuten, dass er instantan, d.h. ohne jegliche Verzögerung, auf die Hirnprozesse wirkt. Folgte er jedoch deutlich dem Beginn des Bereitschaftspotentials, dann waren erhebliche Zweifel an der Existenz eines freien Willens als eines mentalen Verursachers, der selbst nicht materiell verursacht ist, geboten.
Es zeigte sich in Libets Experiment, dass das Bereitschaftspotential im Durchschnitt 550-350 Millisekunden ... dem Willensentschluss vorausging, niemals mit ihm zeitlich zusammenfiel oder ihm etwa folgte.« (Roth 2001, S. 438) Der »Willensakt tritt in der Tat auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird.« (Roth 2001, S. 442) »Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du »Geist« nennst ...« sprach Zarathustra (Nietzsche, S. 46). Der freie Wille ist also offensichtlich eine Illusion, folgert Roth.
»Zusammengefasst zeigen die hier vorgestellten Forschungsergebnisse, dass die beiden entscheidenden Komponenten des Phänomens »Willensfreiheit«, nämlich etwas frei zu wollen (zu beabsichtigen, zu planen) und etwas in einem freien Willensakt aktuell zu verursachen, eine Täuschung sind. Das erstere Gefühl tritt auf durch Zuschreibung bzw. Aneignung von unbewussten Handlungsmotiven, die aus dem limbischen System stammen, das letztere Gefühl tritt auf, nachdem das Gehirn längst entschieden hat, was es im nächsten Augenblick tun wird.« (Roth 2001, S. 445)

Bleibt noch einmal hervorzuheben: die Versuchsteilnehmer hatten, trotzdem das Gehirn auf rein physiologischer Grundlage entschieden hatte, »das klare Gefühl ..., eine freie Entscheidung getroffen zu haben« (Roth 2001, S. 442). Gleichwohl spielt das Ich doch stets nur »die Rolle des dummen August im Zirkus, der überall seinen Kren dazu gibt, damit die Zuschauer glauben, er ordne alles an, was da vor sich geht.« (Freud in einen Brief an Jung, siehe B. Handlbauer, S. 92)

Literatur:

Godehard Brüntrup: Das Leib-Seele-Problem: eine Einführung, Stuttgart 1996
Mario Bunge: Das Leib-Seele-Problem: ein psychologischer Versuch, Tübingen 1984
Johann Gottlieb Fichte, Grundlagen der gesamten Wissenschaftslehre, Berlin 1971
Sigmund Freud, Das Ich und das Es, in: Das Ich und das Es. Metapsychologische Schriften, Frankfurt am Main 1992
Sigmund Freud, Brief an Jung, siehe B. Handlbauer, Die Entstehungsgeschichte der Individualpsychologie Alfred Adlers, Wien 1984, S. 92
Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, in: Gesammelte Werke Bd. 1, Tübingen 1990
Hans Goller: Das Rätsel von Körper und Geist. Eine philosophische Deutung, Darmstadt 2003
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Leipzig 1919
Michael Pauen, Illusion Freiheit? Möglich und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung, Frankfurt am Main 2004
Gerhard Roth, Fühlen, Denken Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt am Main 2001


Dr. Helmut Gebauer, DIFO


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